Wenn kritische Infrastrukturen zur Zielscheibe werden
Wir haben den dänischen Minister für gesellschaftliche Sicherheit und Notfallvorsorge, Torben Schack, dazu befragt.
Wie robust ist die dänische Infrastruktur insgesamt? Müssen wir uns Sorgen machen?
"Die dänische Gesellschaft ist grundsätzlich sicher, und insgesamt ist unsere Infrastruktur robust. Dennoch müssen wir prüfen, ob die einzelnen Sektoren ausreichend widerstandsfähig für die heutige Lage sind. Das sich wandelnde Bedrohungs- und Risikoumfeld zeigt, dass Resilienz kein einmal erreichter Endzustand ist. Als Gesellschaft müssen wir unsere Widerstandsfähigkeit kontinuierlich weiterentwickeln und anpassen.
Gesellschaftliche Sicherheit muss ernst genommen werden – insbesondere, wenn es darum geht, die Notfallvorsorge und die Resilienz kritischer gesellschaftlicher Funktionen zu stärken.“
Das Ministerium bündelt Zuständigkeiten wie Cybersicherheit, Versorgungssicherheit und Notfallvorsorge. Warum dieser Ansatz?
"Die Entwicklungen verlaufen derzeit äußerst dynamisch – zusätzlich zu einer ohnehin angespannten Bedrohungslage. Wenn Dänemark weiterhin eine sichere Gesellschaft bleiben soll, müssen wir unsere Fähigkeit stärken, Krisen und Vorfälle ganzheitlich zu bewältigen und zentrale gesellschaftliche Funktionen zu schützen.
Die Zusammenführung von Cybersicherheit, Versorgungssicherheit und Notfallvorsorge ermöglicht einen übergreifenden Ansatz zur Stärkung der Resilienz. Es reicht nicht aus, nur einzelne Bereiche zu verbessern. Behörden wie Unternehmen müssen Schwachstellen umfassend adressieren.“
Dänemark ist stark elektrifiziert. Wo sieht der Minister die größten Risiken im Stromsektor?
"Dänemark gehört weltweit zu den Ländern mit der höchsten Versorgungssicherheit im Strombereich – mit durchschnittlich rund 20 Minuten Stromausfall pro Jahr, meist verursacht durch Bauunfälle wie beschädigte Kabel.
Gleichzeitig ist der Regierung bewusst, dass der Ausbau erneuerbarer Energien, der Rückgang steuerbarer thermischer Kraftwerkskapazitäten und der steigende Stromverbrauch durch Elektrifizierung künftig Herausforderungen darstellen können. Diese Themen erfordern fortlaufende Lösungen.“
Dänemark importiert Strom. Kann die Gesellschaft ohne ausländische Stromzufuhr funktionieren?
"Die Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie schwankt und deckt nicht immer den Verbrauch. In solchen Situationen ist Dänemark auf Importe angewiesen. Ohne internationale Stromverbindungen würde sich die Zahl der jährlichen Stromausfälle erhöhen.
Dänemark ist jedoch gut vorbereitet und verfügt über Stromverbindungen zu den Niederlanden, Norwegen, dem Vereinigten Königreich, Schweden und Deutschland. Dadurch bestehen gute Möglichkeiten für den internationalen Stromhandel.“
Fokuswechsel in der Sicherheitspolitik: IT- und Cybersicherheit als Schlüssel für kritische Infrastrukturen
"Cybersicherheit muss äußerst ernst genommen werden. Die Behörde für gesellschaftliche Sicherheit bewertet die Bedrohung durch Cyberespionage und Cyberkriminalität seit Jahren als SEHR HOCH. Die Bedrohung durch destruktive Cyberangriffe wurde im Juni 2024 auf MITTEL angehoben, während Cyberaktivismus seit Januar 2023 als HOCH eingestuft wird.
Cyberangriffe können gravierende Auswirkungen haben und zentrale Bereiche der Gesellschaft lahmlegen. Die dänische Regierung setzt derzeit die NIS2-Richtlinie in nationales Recht um, die verbindliche Anforderungen an die Cybersicherheit festlegt und nationale Cybersicherheitsstrategien vorschreibt.“
Sind die stark digitalisierten öffentlichen Systeme ausreichend geschützt?
"Es gibt kontinuierliche Anstrengungen, die IT-Sicherheit öffentlicher Systeme an neue Bedrohungen und technologische Entwicklungen anzupassen. Seit Jahren setzen staatliche Stellen technische Mindestanforderungen um und arbeiten nach Standards wie ISO 27001.
Die kommende NIS2-Gesetzgebung wird das Sicherheitsniveau bei Behörden und Unternehmen deutlich vereinheitlichen und anheben. Insgesamt sind wir gut aufgestellt, müssen unsere Anstrengungen jedoch weiter intensivieren. NIS2 wird hierbei ein zentraler Treiber sein.“
Welche Rolle spielt das Ministerium bei der Umsetzung von NIS2?
"Die EU-Richtlinie wird in nationales Recht überführt und soll bis zum 1. Juli 2025 in Kraft treten. Danach müssen betroffene Unternehmen und Behörden die gesetzlichen Anforderungen erfüllen. Für Energie-, Telekommunikations- und Finanzsektoren erfolgt die Umsetzung über separate Gesetzgebung.
Zentrale Voraussetzung ist eine klare und praxisnahe Anleitung für die betroffenen Organisationen. Daran arbeiten wir in engem Dialog mit Behörden und der Wirtschaft.“
Physische Sicherheit ist ebenfalls Teil von NIS2. Wird sie ernst genug genommen?
"Das Bewusstsein wächst – aber es gibt noch Verbesserungspotenzial. Dänemark befindet sich in einer komplexen Sicherheitslage mit zahlreichen Angriffsversuchen auf Systeme und Netzwerke. Sicherheit erfordert kontinuierliches Engagement von Behörden, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Bürgern.
Deshalb wird NIS2 durch die CER-Richtlinie ergänzt, die sich auf die Resilienz kritischer Einrichtungen konzentriert – gewissermaßen das physische Pendant zur NIS2.“
Wie ist der Stand beim Schutz kritischer Infrastruktur insgesamt?
"Dänische Behörden und Unternehmen sind insgesamt gut aufgestellt, aber wir müssen uns kontinuierlich verbessern. Regelmäßige Übungen, verpflichtende Vorfallmeldungen und bessere Koordination werden unsere Fähigkeit stärken, Vorfälle zu bewältigen und zu verhindern.
Die Umsetzung der NIS2- und der CER-Richtlinie führt zudem verpflichtende Vorfallmeldungen ein. Dadurch entsteht ein besseres Gesamtbild von Ereignissen sowohl im Cyberraum als auch in der physischen Welt. Das verbessert die Voraussetzungen für eine koordinierte Ereignisbewältigung und stärkt die Prävention durch gezielte Beratung sowie durch fundierte Bewertungen kombinierter Bedrohungslagen.“
Gibt es Parallelen zwischen physischer und digitaler Sicherheit?
”Beide gehören untrennbar zusammen. Dänemark basiert auf einem hohen Maß an Vertrauen – dennoch dürfen wir nicht naiv sein. Kritische physische und digitale Ressourcen müssen konsequent geschützt werden.“
Wie weit ist die Koordination der Notfallvorsorge fortgeschritten?
”Im August 2024 wurde das Ministerium für gesellschaftliche Sicherheit und Notfallvorsorge gegründet, um Prävention, Krisenfestigkeit und Krisenbewältigung zu stärken. Zahlreiche Rettungs- und Notfalldienste wurden unter der dänischen Katastrophenschutzbehörde gebündelt. Das Ministerium ist jedoch nicht für sämtliche Formen der Notfallvorsorge zuständig.“
Thema „Prepping“: Sind Bürger ausreichend vorbereitet?
”Viele Menschen müssen ihre Einstellung zur Vorsorge ändern. Aktuell hat rund die Hälfte der Bevölkerung noch keine Notfallvorräte angelegt. Das ist unzureichend. Jede einzelne Maßnahme zählt für die gesamtgesellschaftliche Resilienz.“
Wie werden Kinder und Jugendliche für sichere digitale Verhaltensweisen und Cyberbedrohungen sensibilisiert?
"Die Behörde für gesellschaftliche Sicherheit führt zudem fortlaufend Präventionsmaßnahmen gegen digitalen Betrug durch, bei denen auch junge Menschen gezielt angesprochen werden. Im Januar 2025 startete die Behörde gemeinsam mit der Polizei eine Social-Media-Kampagne, die vor der Betrugsmasche ‚Freund in Not‘ warnte, bei der Täter sich als nahestehende Personen ausgeben und um Geld bitten. Die Botschaften wurden unter anderem über eines der reichweitenstärksten Instagram-Profile Dänemarks verbreitet, das insbesondere eine große junge Zielgruppe erreicht.
Generell werden wir unseren Fokus weiterhin sowohl auf die Behörden und Unternehmen legen, die unter die kommende Gesetzgebung fallen, als auch auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Bürgerinnen und Bürger, die nicht unmittelbar von den gesetzlichen Anforderungen erfasst sind. Entscheidend ist, das Sicherheitsniveau in der gesamten Gesellschaft zu erhöhen – selbstverständlich angepasst an die unterschiedlichen Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppen.“
Abschließend: Reicht das aktuelle Bewusstsein für Sicherheit und Krisenvorsorge aus?
”Wir müssen die neue Realität gemeinsam anerkennen. Deshalb habe ich Foren für Wirtschaft und Zivilgesellschaft eingerichtet und weitere Initiativen gestartet, um Unternehmen, Organisationen und Bürger aktiv einzubinden.“